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Rock gegen Rassismus
"Rock gegen Hass" ist zu einem Verkaufsschlager und zu einem Prestigeobjekt
geworden. Alles, was sich als AntirassistIn bezeichnet, ist bereit,
den stattlichen Preis von SFr. 60.- hinzublättern, um am mittlerweile
traditionell gewordenen wohl grössten Politanlass der Schweiz teilzunehmen.
Was im "schwarzen" Kanton Aargau als Widerstandsprojekt gegen faschistische
Ideologien begann, ist nun ein Riesenevent, der über zehntausend vor allem
junge "Antifas" ins "rote" Zürich zieht. Genauer gesagt: auf den Platzspitz.
Anwesende Promis mit bekannten Namen gab es genug auf dem Platzspitz. Sei es
lokale Proiminenz (RR Buschor, Stapi Estermann und Opernstar Simon Estes) oder nationale
Persönlichkeiten wie die Festrednerin Ruth Dreyfuss, alle waren sie erschienen.
Daneben fast vollzählig die gesamte Medien- und Jugendpolitikszene. Eine interessante
Mischung also. Veranstalter und "Rock gegen Hass"-Erfinder Sidney Weill gab
sich optimistisch - spätestens, als verkündet wurde, dass 12'000 Frauen und
Männer sich auf dem Park hinter dem Landesmuseum eingefunden hatten (was
allerdings eine "Entsorgungs"schlange vor den WCs verursacht hat). "Wir wollten
zu den Leuten, und die Leute sind gekommen", gab Organisator Weill zu Protokoll.
"Wir sind ein populistisches Festival."
Lengnau kennen zu wenige und es sei umständlich, dorthin zu kommen, erläuterte er
anschliessend den Wechsel aus dem tiefsten Aargau ins sonnige Zürich. Der Platzspitz
eigne sich hervorragend für einen solchen Anlass. Hier können die Leute auch für
"kulturelle" Höhepunkte neben den eigentlichen kommerziellen Hailaits angesprochen
werden. Dieser Entscheid war sicher sinnvoll, obschon am Nachmittag noch sehr wenige
auf dem Platzspitz waren. "Wenn wir nur ein kultureller Anlass wären, dann würden
nur die wenigen kommen, die sonst auch immer an solchen Anlässen zu finden sind,
sich auf die Schultern klopfen und sagen:"Auch ich bin Antirassist. So würden wir unser
Ziel nicht erreichen."
"Rock gegen Hass" ist das erste und einzige Schweizer Open-Air gegen Fremdenhass und
Rassismus. Aus diesem Grund ist auch das Line-Up traditionell sehr gemischt
und international. Die ersten Höhepunkte an diesem heissen Tag waren
der japanische Trommler Leonhard Eto und die Band Akiyo aus dem karibischen
Gualdeloupe, die auf dem Platzspitz schon eine ganz schön multikulturelle
Stimmung erzeugt haben. Mit der Zeit fanden sich immer mehr Menschen auf der
Wiese ein, die meisten mehr oder weniger in Badekluft und damit zum Teil
seeehr schön. Die einen knutschten in der Folge fleissig vor sich hin, die
anderen drehten sich was Feines und die dritten hörten gebannt dem vielseitigen
Programm auf den zwei Bühnen zu.
Den ersten eigentlichen Hype verursachte der israelische Rocksänger Aviv Gefen,
der seinem Ruf als "Friedensidol" in Zürich Ehre gemacht hat. Der junge Star
sang seine Messages in Hebräisch und Englisch, trotzdem verstanden alle, um was es
ging: um Frieden, Toleranz und Liebe. Er hatte das Friedenskonzert veranstaltet, in
dessen Verlauf der Premier Rabin von einem wahnsinnigen Faschisten ermordet wurde -
kurz nachdem er Aviv umarmt und ihm für seine Hilfe gedankt hatte. Als wir ihn auf
seine politische Aktivität auf Seiten der sozialdemokratischen Labour-Party ansprachen,
relativierte er, dass es nicht wichtig sei, ob man links oder rechts stehe, sondern
einzig und allein, dass man sich menschlich aufführe. Gefen ist mit seinem unverhohlenen
politischen Aktivismus gepaart mit "kommerziellem" Sound in unseren Landen ein Exote,
denn bei uns ist mensch entweder politisch und langweilig oder geil und ignorant.
Die Auftritte von Züri West und Zucchero waren reine Routine, beide haben schon lange
einen Ruf, gerne an solchen "politischen" Veranstaltungen aufzutreten. Während die
Berner beispielsweise die Headliner der Antirassismusdemo vor zwei Jahren
gewesen sind, trat der Italiener gerade eben an einem Benefizkonzert in Sarajevo auf.
Bedeutend glaubwürdiger als engagierter Musiker war der eigentliche Hauptact des
Abends, Lorenzo Cherubini, also Jovanotti. Der Rapper, der in x verschiedenen Sprachen
vor sich hingerappt und gelispelt hat, konnte den Platz vor der Bühne richtig füllen - und
nicht nur mit Italo-Kids aller Altersklassen. Den meisten kann ich nicht zutrauen, dass
sie aus "politischen" Gründen gekommen sind, sondern nur, um den Typen zu sehen und
zu bekreischen. Zeitweise waren das ja Zustände wie bei Take T@! Seine sympathische, etwas eulenspiegelhafte
Art verzauberte auch die hintersten und letzten - sogar Technopapst Nöldi Meyer konnte
seinen Sound ertragen. Immer wieder durchbrach er sein Programm mit Sprüchen wie
"No to Fascism, no to hate, no to violence. Yes to tolerance" und so weiter. Echt cool,
der Typ, muss ick schon sajen.
In einem bin ich der selben Meinung wie Sidney Weill: es ist eine Augenweide zu sehen,
wie sich zwölftausend vor allem junge Leute mit ihrem Erscheinen einsetzen gegen Hass und gegen
Faschismus. Es reicht nicht, wenn ein paar linke Irre einfach ausziehen, um ein paar
rechte Irre zu verprügeln (obschon...). Hass kann nur mittels Vernunft, Toleranz und
Liebe bekämpft werden. Und das hat dieser Anlass gezeigt. Etwas schade war, dass für
den hohen Preis ein ziemlich einseitiges Programm geboten wurde. Gerade die Headliner
klangen halt alle etwas ähnlich - ganz amüsant wäre es gewesen, einen Act z.B. aus der
Crossoverszene, dem Techno oder anderen "exotischen" Bereichen zu nehmen. Auch dort
gibt es nämlich durchaus Bands, deren antifaschistische Glaubwürdigkeit unbestritten ist.
Das diesjährige Lineup war nicht besonders, vor allem nicht für Leute, die halt nicht gerne
Mainstreamsound hören. So wie ich. Trotzdem: auch Biwidus steht ein gegen Rassismus, gegen
Hass und faschistische Propaganda. Und für Toleranz und Vernunft. Und das mit der Liebe...
na ja...