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Open-Air-Vorfreude
Sobald die ersten Hanfpflänzchen die Knospen öffnen, die ersten Jahresrekorde im
Bierkonsum egalisiert werden und die ersten unglücklich Verliebten sich von den
Klippen stürzen, weiss einE JedeR: aha, es ist Open-Air-Saison. Der Monat Juni
bringt nicht nur die ersten Sommertage, sondern auch die ersten Konzerte unter
freiem Himmel. Sie sind in den letzten Jahren von allgemeinen Bekiffungen für
Insider zu regelrechten Hypes für breiteste Alters- und Bevölkerungsschichten
geworden. Ein jedes Bauernkaff möchte plötzlich sein Open-Air - und die Bands
spielen wortwörtlich mit. Noch bevor das legendäre Open-Air im St. Galler
Sittertobel seinen 25. Geburtstag feiert - Biwidus behandelt die
Jubiläumsausgabe ja als Schwerpunkt - wird die Saison gleich mit zwei Konzerten
innerhalb von drei Tagen eröffnet.
Regionale Stars in Fehraltdorf
Den Anfang macht nicht ein Riesenspektakel a la St. Gallen oder dem dieses Jahr
gestrichenen "Out in the Green", sondern im Gegenteil ein kleines Land-Open-Air
mit regionalen Bands. Sternzeit: 14. und 15. Juni 1996, Ort: die Reithalle
Barmatt in Fehraltdorf im Osten des Kantons. Und die angekündigten "regionalen
Bands" sind nicht einfach nur Dreiriff-Combos, sondern die absolute Creme de la
Creme der jungen Zürcher Szene. Also: alles, was Rang und Namen hat. Auch Zelten
kann mensch in Fehraltdorf, allerdings wird angeraten, dass niemand mit dem Auto
kommt, denn hierfür fehlt die Infrastruktur (sprich Parkplätze). Tickets für
einen grünen Schein sind zu kriegen beim Reisetreff Fehraltdorf, bei der
Musicbox Winti, bei Jamarico Zürich und dem Mustangshop in Uster. Den Rest und
das Patronat hat die Gemeinde übernommen. Immerhin zehn Riesen - lobenswert für
ein solches Kaff. Und was die Organisation betrifft: anders, als bei den
"grossen" waren hier die "Kleinen" am Werk - das OK besteht grösstenteils aus
Unterzwanzigern - das spricht eher für dieses sogenannte "Hall Tent Concert".
Am Freitagabend beginnt der Reigen mit Empathic und P-27, denen der Wetziker
Pop-Hype Crank folgt (wir haben oft genug über sie berichtet und werden noch -
sie sind also keiner weiteren Erklärung bedürftig). Abgeschlossen wird der Abend
durch Grandmothers Funck (bis um etwa 2.00 Uhr morgens). Der Samstag wird
durch NEX und die Winterthurer Crossover-Formation Wygel the Pimp (ja, die vom
Jugendfilmfestival) eröffnet. Die ersten "Stars" des Tages sind Artofex. Ihnen
folgen Wemean, Kandidatinnen für die Newcomer-Band des Jahres, sowie die in
Hiphop-Kreisen sehr beliebte Combo Primitive Lyrics, die schon lange nichts mehr
von sich hatte hören lassen - die nächste CD kommt also bestimmt. Schliesslich
runden als Kontrapunkt die Jazz-Hiphopper von Sendak den Tag ab.
Rock gegen Hass diesmal in Zürich
Im tiefsten Aargau fand einmal vor sieben Jahren ein kleines
Open-Air-Konzertchen für verwegene Politfreaks aus der Antifa-Szene statt. "Rock
gegen Hass" nannte sich das Teil und wollte mit Musik gegen Antisemitismus,
Faschismus und Ausländerfeindlichkeit kämpfen. Das Minikonzert in Lengnau wurde
immer grösser und konnte mit der Zeit auch mit Weltstars aufwarten. Neben der
Musik legte mensch schon von Anfang an Wert auf das Rahmenprogramm, das nicht
zuletzt auch von den potenten Sponsoren getragen worden ist. Mit der Zeit
platzte das Open-Air Lengnau so sehr aus allen Nähten, dass sich der
organisierende Verein nun entschieden hat, das populär gewordene und viele
engagierte Jugendliche anziehende Open-Air aus dem Aargau auf die etwas
zentraler gelegene Zürcher Platzspitzwiese zu verlegen.
Dennoch. Das Lineup ist enttäuschend. Zwar wurde auch dieses Jahr wieder ein
Newcomer-Wettbewerb unter dem Motto "Rock Kidz gegen Hass" durchgeführt - fünf
Bands können so am Open-Air ihre Fähigkeiten zeigen, aber die eigentlichen
"Stars" Züri West, Jovanotti und Zucchero zeugen von einer gewissen
Phantasielosigkeit. Wahrscheinlich war sonst niemand aufzutreiben. Alle drei
sprechen einen ähnlichen HörerInnenkreis an - Easy listenting ist also auch auf
dem Platzspitz angesagt. Die Berner um Kuno "Charismabombe" Lauener dümpeln auf
ihrer neuen Scheibe (Biwidus hatte darüber berichtet) "Hoover Jam" nach dem
bekannten Stil vor sich hin. Auch Zucchero Sugar Fornacari ist ein alter
Open-Air-Hase und hat in den letzten Jahren nichts mehr schlaues herausgebracht
- seine letzte CD war eine bittere Enttäuschung für all diejenigen, die seinen
Funk-Rock-Stil geliebt haben. Jovanotti hatte ein gutes Jahr und ist sicher der
einzige der drei, der tatsächlich eine gewisse Originalität zu bieten hat.
"Rock gegen Hass" ist das erste und einzige Schweizer Open-Air gegen Fremdenhass
und Rassismus. Und der Aufmarsch patronierender oder matronierender
Persönlichkeiten ist gross (u.a. die "Aargauer" Bundesrätin Dreyfuss). Bekannte
Firmen können sich als engagiert und jugendlich anpreisen. So richtig
interessant sind aber eigentlich nur die KünstlerInnen "unter ferner liefen", so
Zebda aus Frankreich, der israelische Politrockbarde Aviv Geffen, Leonhard Eto
aus Japan, sowie Simon Estes. Andere folgen. Nicht zu vergessen: das politische
Rahmenprogramm, das diesmal unter dem Motto "Fair zu mir -fair zu dir" steht.
Spiele gibts und Gratisfahrten mit der VBZ (Autos zu Hause lassen). Der Eintritt
lässt sich mit Sfr. 60.- für einen Tag und wenige bekannte Namen "sehen".
Abschliessend möchte ich den Kulturminister der Stadt Zürich, Jean-Pierre Hoby
zu Wort kommen lassen, der über das Open-Air auf dem Platzspitz folgendes
meint:"Das Festival "Rock gegen Hass" ist ein Beispiel für die Unduldsamkeit
diesen Tendenzen gegenüber (gemeint sind Fremdenhass und Intoleranz; Anm. d.
Red.). Es will uns wachrütteln, uns vor Augen führen, wie unüberlegte
Schuldzuweisung, Sündenbockmentalität und Wirklichkeitsverzerrung zu
Ungerechtigkeit und Gemeinheit führen. Ich bin froh über diese Initiative und
freue mich, dass sich die Verantwortlichen entschlossen haben, ihren
angestammten Ort Lengnau zu verlassen und ihre Botschaft auf dem Platzspitz, im
Herzen der Stadt Zürich zu verkünden." Kein Wunder, Herr Hoby, immerhin ist das
weltoffene "rote" Zürich für "diese Tendenzen" weniger zu haben als das immer
wieder mit reaktionären Auswüchsen in die Schlagzeilen geratende Aargau.
Trotzdem: gerade deshalb hätte mensch dort auch die Stellung halten müssen. Mit
Rock gegen Hass, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und so.
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