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Aarau
7.8.1998

Theater

Karls neues kühnes Gassenschau-Programm

150 Jahre Bundesstatt

Züri lacht

Theater für Zürich

Lorenz Keiser: Aquaplaning

Andorra

Lysistrata

Clownschule Dimitris

Chin. National_zirkus

Theater der _Suchtprävention 96

Bremer Freiheit

Hanglage Meerblick

Schauspielhaus 1996

Eine _tierische Farm

Reizender Reigen

Blick zurück im Zorn

Massimo _Rocchi

Blickfelder

Bruno und Bruno

Die _Mausefalle

Ibsens _Wildente

Zwölf Leichen im Keller

Gedenkfeier für Eynar _Grabowsky

Girls in der Winkelwiese

Stau zäme!

Ironie des Schicksals, das Biwidus-Team blieb selbst im Stau stecken und musste fast auf den Genuss des unübertrefflichen neuen Programms von Karls kühner Gassenschau verzichten, was ein Verlust gewesen wäre. Die berühmt-berüchtigte Theatertruppe treibt zur Zeit sein Unwesen im Aarauer Schachen, das neue Programm ist Programm: es geht um den Stau. Stau als Philosophie, Stau als Handlungsort, Stau als Lebensraum, Stau als Ort der Begegnung, Stau (zäme!) sogar als Begrüssung und Abschied.

Die Story ist genauso einfach erzählt wie schwierig zu vereinfachen. Am Anfang schuf Gott die Erde und das Leben, alles war eckig, quadratisch und ordentlich. Dann kam der Teufel und brachte den Kreis, das Chaos. Und aus dem Auto wurde ein Werk des Bösen. Und so entwickelt sich der Mensch als automobiles Wesen. Plötzlich entsteht auf einer immaginären Autobahn ein immagniärer Stau, der zur Weltkatastrophe wird. Sechs Autos, davon einer mit Wohnwagen, bleiben darin stecken. Die FahrerInnen dieser Autos sind dann auch die ProtagonistInnen des Stückes.

Die eigentliche Story beginnt mit einem sehr amüsanten Ballett der Autos, wo die Millimeterarbeit gezeigt wird, mit der Karls Kühne arbeiten. Also. Es stehen sechs Personen im Stau, eine Zürcher Tussi mit dem Merz ihres Vaters, ein spanischer Macho, der ihr Lover wird, ein Zürcher Macho mit Italo-Armkettchen und Cabrio, ein Bündner Autostopper und ewiger Positivist, eine englische Touristin mit voller Campingausrüstung und schliesslich ein Ossie-Underdog (St. Galler), der die rettende Idee am Schluss hat.

Die Personenkonstellation macht die Geschichte aus, ein jeder und eine jede trägt dazu bei, dass der Stau, indem sie stecken immer unerträglicher wird. Das Tussi kreischt hysterisch in der Gegend rum und verdreht den Männern den Kopf. Ihre beste Figur (ich meine schauspielerisch) macht sie, als sie dem spanischen Macho die Kappe wäscht, wie wir Zürcher sagen. Die andere Frauenfigur, die Engländerin, wird zum Symbol der negativen Entwicklung der Geschichte, aus einer Britin mit viel Understatement wird eine Trinkerin, deren Tochter am Schluss das ganze Lager niederbrennt. Das ist ja sowieso das Wahrzeichen der Gassenschau, die Pyromanie la Rammstein. Plötzlich brennt die ganze Bühne, überall Rauch und am Schluss prustet sogar der obligate Flammenwerfer los.

Die Männerfiguren sind, wie bei einem Thema wie Autos zu erwarten ist, stärker, tragender. Zuerst trumpfen die beiden Machos auf. Der Zürcher mit seinem allesrettenden Natel sollte die immer schlimmer werdende Verkehrssituation (stellvertreten durch den immer wieder kehrenden musikalischen Verkehrsfunk) bereinigen, was allerdings mittels Kurzschluss über die Autobatterie in die Hosen geht. Mit der Zeit wird der Junge immer schwächer. Dasselbe gilt auch für seinen spanischen Kompagnon, der mit dem coolen Griff in den Schritt und seiner trendigen Aufmachung jedes Problem lösen zu können glaubt. Er macht es mit der jungen Zürcherin, aber das Kind wird zu einer Trauergeschichte. Der Schauspieler hat allerdings brilliert, sein Stierkampf mit dem Auto des Ossis ist genial gewesen. Aber ausser dem Kind, der notabene im Stau geboren wird, bringt er nichts mehr zu Stande.

Bedeutend interessanter ist der Ossi, der am Anfang mit seinem widerlichen Dialekt die ganze Show stört. Doch als alles schief läuft, sein Fiat in zwei Teile zerbricht und er nur noch in der Vorderhälfte auf der Bühne rumflizt, wird er immer verzweifelter und wird selbstständig. Der fette rotgesichtige Ossi erfindet ein Fluggerät, mit dem er dem Stau entflieht. Der siebte Held des Stückes ist übrigens der Kranführer, der mit seinem Apparat das ganze Stück begleitet. So bekommt das Stück eine dritte Dimension. Auch sehr stark ist der Bündner, der immer eine postive Stimme während des ganzen Stückes ist. Aber gegen den Schluss wird auch er desillusioniert, er lässt sich einen langen Bart wachsen und entschwebt in eine Traumwelt.

Das neue Stück von Karls Kühner Gassenschau hat nicht nur mit Stau im Sinn von Blechlawine zu tun, sondern versteht sich auch als Lebensstau. Die ProtagonistInnen beginnen, im Stau zu leben, zeugen Kinder, feiern Weihnachten (mit dem Ossi als Schneemann), picknicken auf der präparierten Motorhaube des englischen Wagens und schlafen in ihren jeweiligen Autos. Sie lernen zu leben im Stau. Aber andersherum gehen ihnen die Ideen fortlaufend aus, es entsteht auch ein menschlicher Stau, denn nichts geht mehr, sie resignieren. Nur die bescheuerte Tochter der besoffenen Engländerin kennt die Lösung: burn the cars!

Echt, die Show ist riesig, für die teuren 38 Franken Eintritt kriegt man wirklich genug geboten. Karls kühne Gassenschau, das ist die Fusion aus Strassentheater, Film-Szenerie samt Special-EFX und innovativem Musical. Was das Geheimnis ihres Erfolges ausmacht, ist der Mut, die Courage, auch aufwendige Gags zu inszenieren, immer wieder bringen sie technische Spielereien, die man vom Theater sonst nicht kennt. Das gilt einerseits für die Feuerwerke und andere heisse Toys, andererseits aber auch für den Einfall, mit sechs Autos und einem Kran einen solchen Terror zu machen. Die Autos gehen dabei natürlich drauf, der Merz wird auseinandergenommen, der Lieferwagen des Pizzabäckers verbrannt und der Ossi-Fiat zweigeteilt. Aufwendig, aber effektvoll.

Die Gassenschau tourt im August noch nach Zürich, Tickets sind zwar teuer, aber begehrt. Früh anstehen. More Infos gibt es bei der Website von Karls kühner Gassenschau.



Für Biwidus: Wildcat (EMail) (hat sich wieder einmal blendend unterhalten)