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2.8.1998

Gedanken

Zahlen und Menschen

Borchert auf CD

Kühe in Zürich

Roter Dany

Ein Brief erregt Ekel

Geschmackloser Werbemüll

Engel im HB

Diana vom Boulevard abgeschossen

Pathfinders Bibliothek

Neoliberaler Sozialismus

Das Ende der Dürre

Wups: UBS

Was ist ne Tussi?

Linke gegen Rechte

Die Rechten im Dörfli

1999+1=?

Hass - Albanien - Schweiz

Militärdienst: warum noch?

Mensch, ich gehe

Mensch, wohin?

Ode an die Schönheit

Revolution in den Medien

Reihe Utopia - _Gesundheit

Weihnachten

Mr. Biwidus zur Gesellschaft

Borcherts vertontes Werk

Borchert Jeder und jede weiss unterdessen, wie sehr ich auf die Werke des deutschen Dichters und Schriftstellers Wolfgang Borchert stehe. Das weiss auch ein Mitfan aus Deutschland (danke übrigens, Hundeblümchen), die mir eine CD mit vertonten Werken des Meisters zum Anhören geschickt hat. Das "Gespräch über den Dächern" entspringt grösstenteils dem Borchert-"Gesamtwerk" und seinem Nachlass "Die traurigen Geranien", es sind aber auch einige Tracks darauf, die man selbst dort lange suchen muss. Diese sogenannten "literarischen" Klangbilder verstehen sich nicht einfach als eine Art Borchert-Musical, sondern vielmehr als Gedanken zu den Texten des Meisterdichters.

Dabei fällt mir als Fan und Kenner der Borchertwerke auf, dass sich die Autoren vor allem mit dem prosaischen Teil schwer getan und dass sie sich da zum Teil etwas sehr auf ihre dichterische Freheit berufen haben. Das fällt vor allem gleich beim ersten Track, dem "Sonntagmorgen" auf, einer Kurzgeschichte von immerhin acht Minuten Dauer. Die normale Prosarezitation la Schauspielschule würde hier dasselbe lehren wie die Macher der CD machen: langsam, den Trott und die unmenschliche Langeweile des Gefängnisalltags wiedergeben. Und obschon Borchert sicher genau das wollte, ist es einfach zu wenig brochertlike. Der Mann lag todkrank in seinem Bett, als er das kurz vor seinem endgültigen Abschied niederschrieb, der Mann war nicht nur von der Krankheit gezeichnet, sondern vor allem auch vom Rennen gegen die Zeit. Er war gehetzt, fast hysterisch, sicher aber absolut atemlos.

Borchert CD Cover Genau diese Atemlosigkeit fehlt den Autoren, sie sind viel zu lyrisch. Dasselbe gilt auch für einige andere Tracks, wie z.B. "Hinter den Fenstern ist Weihnachten". Es gibt aber auch richtig gute Texte, um die ich die Macher schon fast beneide, weil sie fast mystisch sind. Geradezu genial finde ich es eigentlich jedesmal, wenn die Gedichte des Meisters drankommen, die Band macht daraus häufig einen Blues, wohl die beste und treffendste Umsetzung, die möglich ist. Denn was anderes als Blues sind denn Borcherts Gedichte? Ein Klangbeispiel ist der "Brief aus Russland", das Gedicht selbst ist an sich schon sehr stark, wenn aber dazu noch ein Blues gespielt wird, fährt alles noch viel staärker rein.

Die Stärke der CD ist, dass sie zugleich Literaturfans und den wenigen BorchertanhängerInnen etwas bringt, sie ist aber doch nicht einfach nur vertonte Jahrhundert-Literatur, sondern ein eigenständiges Stück Musik, eine musikalische Auseinandersetzung mit dem schreibenden Autor. Die Macher, das ist an sich auch ganz spannend, sind der Schauspieler Bernd Lange und die Band Bayon. Sie stammen alle aus den neuen Bundesländern, aus dem ehemals kommunistischen Osten. Borchert war im Osten ein sehr unerwünschter Autor, trotzdem kamen die literaturhungrigen Jugendlichen zu seinen subversiven Werken, die gerade sie ansprechen. Borcherts radikaldemokratische, antifaschistische und humanistische Gesinnung passte zu ihnen, schon 1984 spielten sie vor dem Eisernen Vorhang Stücke von Wolfgang Borchert. Die CD wurde 1996 anlässlich eines Auftritts aufgenommen.

Ueber Borchert haben wir ein Dossier und einen Artikel geschrieben.



Für Biwidus: Wildcat (EMail) (fanatischer Borchertfan)