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Bern
20.7.1998

Gurten im Festivalfieber

Anmerkung: wegen einer technischen Panne war es uns nicht möglich, Bilder zu machen und mussten sie klauen. Wir bitten um Verständnis.

Zu allererst eine Rose und ein Kaktus an die MacherInnen des Gurtenfestivals 1998. Die Homepage ist zumindest informativ eine Augenweide. Im Gegensatz zur Page des Konkurrenzanlasses in Frauenfeld liefern die Berner witzig die wichtigsten Infos und auch die Bilder zu jeder Band, aber der Wermutstropfen ist: auch hier wagte man keine Liveberichterstattung vom Gelände. Unser Biwidus-Rezept am Open Air St. Gallen 1997, die Konzerte in Berichten wiederzugeben, scheint irgendwie niemand mehr zu wagen, dabei sprach unser Erfolg Bände. Selber schuld, denn die UserInnen wollen mehr als nur ein bisschen Infos und Pics vom Gurtenbähnchen.

Und wenn wir schon am kritisieren sind, bevor wir die wirklich geilen Konzerte behandeln, der Ort. Der Gurten, das ist der Hausberg der Stadt. Nur ist der Berg verkehrstechnisch scheisse, absolut scheisse gelegen. Man muss mit dem öV kommen, eine Ausnahme ist mangels Parkplätzen selbst für Presseleute kaum möglich. Dann: zum Berg hinauf führt ausser dem steilen Weglein nur ein Bähnlein hinauf. Man kann sich vorstellen, wie eng es auf diesem Ausflugstschutschu wird, sobald tausende auf den Open Air-Berg stürmen. Und: der Berg ist wenn (man mal oben ist) zwar sehr schön, aber sobald man runter will, fängt die Kacke wieder an. Dann heisst es am Schluss des letzten Konzertes wieder: stundenlang anstehen oder über den unbelichteten Trampelpfad runterlatschen. In der Hoffnung, dass der Mensch vor einem den Weg kennt. Schrecklich so was.

Such a surge So, und jetzt zu den schönen Seiten des Lebens. Aus oben erwähnten Gründen kam der Autor zu spät vor die Bühne, er war den halben Tag lang unterwegs. Oben angekommen spielten Such a Surge ihre letzten Songs. Na ja, sie schrien viel mehr und das Publikum hüpfte wie Heuschrecken in der Gegend rum. Die Band hat gerade mit "Was besonderes" ein neues Album herausgebracht und pries es sozusagen lautstark an. Dabei durfte weder das Titellied, noch der letztmalige Such a Surge-Hit "Ideale!?" fehlen. Das heisse Wetter war gerade der ideale Hintergrund für diese Band, Crossover vom feinsten zum Abspacen. Jedenfalls eröffneten Such a Surge den Reigen der vielen deutschen Crossover- und Industrialbands an diesem Abend.

Schweisser Und "toitschschsch!!!" ging es mit Schweisser gleich weiter. Die Münchner sind mit "Heiland" eine der witzigsten und wohl auch härteren Vertreter der schwermetallastigen Neuen Deutschen Härte-Bewegung. Entsprechend wirbelten sie auch von Anfang an wie besessen über die Bühne, schrien sich die Lungen krank und begrüssten das Publikum am Schluss mit: "Wir wussten bei uns zu Hause gar nicht, was das ist, das Gurtenfestival". Etwa so fühlte ich mich auch. Egal, jedenfalls mochte das Publikum diesen harten Sound, dem doch ein bisschen Gefühl des Zornes und des Aufstandes zu entlocken war. Die Wärme in der etwas muffig wirkenden kleineren Zeltbühne war da gerade gut. Nur: etwas mühsam waren die vielen Zeltstangen überall.

Moby So. Weiter. Gleich nach Schweisser wurde es kurz undeutsch. Völlig undeutsch. Moby, das extreme und anarchistische Multitalent brachte das erste Mal das Publikum um die Hauptbühne zum kochen. Der Typ ist einfach krank, anders kann ich das gar nicht bezeichnen. Nicht nur, dass er die ganze Zeit über die Bühne springt, mal die Percussion malträtiert, mal seinen Synthi vergewaltigt und mal mit seiner Gitarre in der Gegend rumfeuert. Moby ist auch in jeder Beziehung ein Extremist der Stile. Als Punkrocker spielt er den wohl schnellsten Beat am ganzen Abend, dann schreit er die schlimmsten Verwünschungen wie Raps über den Gurten, bevor er anschliessend mit "Feeling so real" seiner Identität als Kommerztechno-Produzent freien Lauf lässt. Das Konzert war fantastisch, Moby und Band verschossen ihre Munition, doch der musikalische Psychopath hatte als Zugabe eine Ueberraschung der besonderen Art bereit: er liess die Hosen runter und sang den Song SPLITTERFASERNACKT, ein schrecklicher Anblick. Sein Schwengel war den Teeniegirls in der vordersten Reihe zum greifen nah, das werden die wohl so bald nicht vergessen ;-)

Transglobal Underground Moby folgten Transglobal Underground. Ihr kürzlich erschienenes Album "Rejoice Rejoice" ist wohl etwas vom besten, was die britische Danceszene in letzter Zeit vollbracht hat. Entsprechend viele Leute fanden sich ein, um der Fusionband aus Britannien und ihren transglobalen Freunden zu horchen. Wie gewohnt spielten die Jungs um Alex Kasiek und Hamid Mantu (gekleidet mit Burnuss) mit dem Bild einer musikalischen Reise, verschmelzten die Sounds ihrer asiatischen und afrikanischen Kollegen mit ihren synthetischen Klängen aus Sequenzer und Synthi. Der eigentliche Höhepunkt auch diesmal natürlich der Auftritt des TGU-Familenmitglieds Natacha Atlas. Sie gibt mit ihrer fülligen, traumhaft orientalischen Stimme der Band das nötige Gewicht (auch optisch). Ihre Bauchtanzeinlagen waren mit Abstand etwas vom coolsten, was ich in Bern gesehen habe.

Rammstein Dann. Rammstein. Rrrrrrrrrrammstein!!! Um genauer zu sein. Die Deutschen Industrial-Pyromanen beehrten Bern mit ihrem brachialen Besuch. Und wie zu erwarten war, starteten sie gerade mit einem regelrechten Feuerwerk. Und das nahm das ganze Konzert über seinen Lauf. Mal waren es Blitze, die irgendwo herauskamen, mal ein geschwenkter Bogen aus Feuer, mal ein brennender Pfeil und zum Schluss so als Zugabe eine meterhohe Salve aus dem Flammenwerfer. Gut, ich finde, sie haben diese Pyromanie nicht nötig, aber das Publikum erwartet es schon. Jedenfalls machten sie zwischen den Feuerexzessen auch Musik. Und wie! Vor einer sehr aufwendigen Kulisse liessen sie ihre Gitarren krachen. Der Sänger bestätigte den schlechten Ruf der Band, der man eine Nähe zu faschistoidem Gedankengut nachsagt. Gewaltverherrlichend, sexgierig und irgendwie homoerotisch kämpften sie sich durch die eineinhalb Stunden Konzert. Ausser dem Kraftwerk-Cover "Das Modell" kamen alle Hits, und das Publikum durfte sich unterhalten. Rammstein sind eine sehr gelungene Verarschung. Nur von was eigentlich?

Portishead Weil auch der Autor mal eine Pause gebraucht hat, musste er die coole Hip Hop-Combo Asian Dub Foundation fahren lassen. Dafür stürzten wir uns ofenbewehrt ins Gewühl zum geheimen Highlight des Abends. Portishead, die britische Trip Hop-Band mit der wunderbaren Stimme von Beth Givens. Die psychedelischen Klänge, zuerst vor allem aus Synthi, Sequenzer und Plattenteller, wurden mit der Zeit von einer jaulenden E-Gitarre und dem Drumkit abgelöst. Eineinhalb Stunden lang sangen und stöhnten sich die Briten und die Britin durch ein ewig lang erscheinendes, aber nichtsdestotrotz starkes Repertoire. Es war ein Hochgenuss. Die Musik meine ich.

Oomph!, die "Erfinder des Rammsteinsounds", waren mir dann doch etwas zu viel, einfach zu viel des Guten. Trotzdem hörte ich mal rein, bevor ich den beschwerlichen Weg drunt` ins Tal anging. Oomph! sind wohl die radikalsten Vertreter der deutschen Crossoverszene auf dem Gurten gewesen. Sie lärmten bis um zwei Uhr morgens, dann war ich schon auf dem Heimweg. Hinter mir ein Festivalabend mit vielen geilen Konzerten, was mir fast ein bisschen zu viel wurde. Das Prinzip, abwechslungsweise mal auf der einen, mal auf der anderen Bühne Musik zu machen, ist wohl die grosse Stärke in Bern, es wurde mir nie langweilig, im Gegenteil. Nur beim Heimlatschen, dann schon. ;-)

Die Bilder haben wir uns von folgenden Sites ausleihen müssen:

der offiziellen Gurten-Homepage
der Moby-Homepage
der Portishead-Homepage der Polygram USA
und der Such a Surge-Homepage von Sony Deutschland.



Für Biwidus: Wildcat (EMail) (das ganze glich dem Gang nach Canossa)