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Zürich
15.9.1997

Keine Party für Bluewin

Gäähn. Also als Journalist erlebt mensch ja einiges, aber was diese Woche im Jail ablief, war ja mehr als nur langweilig. Dabei war die Sache nicht mehr und nicht weniger als die 1. Geburtstagsfeier des Internet-Dienstes "Blue Window". Das zur Swiss-Tele-Swisscom gehörende Web-Haus ist seit mindestens einem Jahr sowohl Infodienst, als auch Marktplatz usw. Also eine eine Inet-Sache, könnte mensch gemeint haben.

Photos gibt es keine, denn es lief auch nichts. Erwartet hatten wir einen Haufen sympathischer Internet-Freaks, gekommen waren ein ganzer Haufen unsympathischer Geldmenschen, Marketingfuzzis, Yuppies, Krawattenheinis oder wie auch immer. Leute also, die irgendwie eine finanzielle Unterstützung für das Blaue Fenster sein könnten. Sehr langweilige Leute, die vom Internet kaum eine Ahnung zu haben schienen. Und auf sie war das Programm auch zugeschnitten.

Also zuerst lief nichts. Nur ein Apero. Und dann lief nichts, ausser dass den erlesenen Gästen ebenso erlesener Frass vorgeworfen wurde. So von wegen irgendwelche Edelspeisen. Ich meine, auch der Wein war erlesen. Aber sonst lief lange nichts. Um 21.30 war der erste interessante Teil angesagt, eine Band, Jungle. Aber erst nach zehn war überhaupt von Dessert die Rede. Dann wurde in einem verrauchten Nebenzimmer eine Zigarre mit Espresso geraucht.

Nicht, dass ich das alles nicht schätzte, nicht, dass ich an einer Party Pünktlichkeit erhofft hatte. Aber das war des "Guten" zuviel. Bluewin ist und bleibt kommerziell, und darin lag das Problem begründet. Es war ein typischer Marketing- und Presseanlass mit den entsprechenden Leuten. Unsere Tischnachbarn waren Radio Z-Oberindianer Christian Gartmann und Fernsehfrau Katja Stauber. Also gings schliesslich und endlich darum, das Internet wieder als Geldquelle auszubeuten. Das Ziel eines jeden kommerziellen, also profitmaximierenden kapitalistischen Systems.

The Blue Window ist der aktive Teil des Schweizer Telekommunikationsriesen im Web. Ergo scheint es selbstverständlich zu sein, dass damit viel Geld gescheffelt wird. Aber: wie stehts mit der Glaubwürdigkeit? Wieso haben die Leute nicht gecheckt, dass "die Szene" die Kapitalisierung dieses einzigen noch nicht okkupierten Raumes ablehnt. Und dass auch neue User gerade diesen Werbeoverkill meistens ablehnen. Offenbar nicht, sonst hätte Bluewin eine Party für seine eigenen Leute und Mitglieder gemacht.



Für Biwidus: Wildcat (EMail) (kauft sich trotz Inet-Anschlusschwierigkeiten nie ein Bluwin-Starter-Set)