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Zürich
16.6.1996

Open-Air: was es noch zu sagen gibt

Na gut. Die Mutter aller Open-Airs ist ausverkauft. war es schon lange. Aber trotzdem halten wir nicht inne in unserer Berichterstattung, denn immerhin gibt es ihn ja auch noch, den Schwarzmarkt. Und es gibt noch einiges, was Biwidus in seiner Berichterstattung zum Schwerpunktthema SG noch nicht behandelt hat, immerhin geht es um den 20. Geburtstag des Anlasses (nicht um den 25., das war ein Fehler, der sich bei uns eingeschlichen hat). Zu diesem denkwürdigen Anlass ist auch ein Buch erschienen, das die zwei Dekaden Schweizerischer Festivalgeschichte wiedergibt, für Supporterverein-Mitglieder ist das Buch gratis, für Normalverbraucher billig.

Zugegeben, die 25'000 festgesetzten Pässe waren schnell verkauft, nicht zuletzt an die 15'000 Dauergäste aus der Ostschweiz. Auch dabei sein wird dieses Jahr das Paleo Festival Nyon, das mit einigen typischen Paleo-Acts der Urmutter der Festivals seine Reverenz erweisen wird. Daneben: das umfangreiche Rahmenprogramm, angefangen von den Ständen (Stop Aids - Pariser: ein unbedingtes Muss für einen solchen Anlass), über x verschiedene Verpflegungsmöglichkeiten bis zum riesigen Zeltplatz, der seinesgleichen sucht in unserer Open-Air-Landschaft. Es wird geraten, dass mensch schon ziemlich früh ansteht, um einen einigermassen erträglichen Zeltplatz zu besetzen (seinen "claim") - sonst pisst nämlich einer irgendwann in das Zelt hinein.

Das Lineup dieses Jahr ist wie immer erlesen, von allem etwas und ja nicht zu viel! Richtige Megaacts hatte es kaum jemals in St. Gallen, dafür die Creme de la Creme der "Mittelklasse". Folgende KünstlerInnen werden an einem der drei Tage das Sittertobel zum Kochen bringen:

Freitag, 28.6. (Sitterbühne)

Cyrano (der Melancho-Herzschmerz-Barde aus Baden bei Zürich beginnt das Programm mit atmosphärisch dichtem Akustik-Pop für Müde und Softies)
Bush (schon der zweite Act zieht an - geschwindigkeitsmässig. Die Soft-Grunger aus London werden die Gitarren über das Sittertobel heulen lassen und zeigen, dass Grnge nicht unbedingt aus Seattle kommen muss)
B.B. King (der Uraltblueser aus Memphis/Georgia, der Gottvater aller Rocker und Blueser überhaupt, könnte zwar unser Grossvater sein, aber er hat noch immer den Blues, das St. Galler Publikum wird ihm den gebührenden Respect zollen)
Red Hot Chili Peppers (gleich noch mal ein bisschen Crossover, diesmal aber von den Meistern höchstpersönlich. die Peppers haben ihn nicht nur miterfunden, sondern ihm auch mit der Zeit etwas Tiefe gegeben, ihre neuesten Songs sind zwar immernoch Rap + Punk-Rock, aber eben noch ein bisschen mehr. Sie sind sicher der Höhepunkt des ersten Abends)
Freak Power (ziemlich unbekannte Partyband ohne jeden Skrupel. Sie vermischen so ziemlich jeden groovigen Stil zum Crossover, wie er heute Mode ist - ja keinen Stil heraushören. Aber ein cooler Abschluss sind sie allemal)

Samstag, der 29.6. (Sitterbühne)

Kussecht (vormals Daddy's Cosset aber noch immer gleich frech. Die junge Band um Frontfrau Barbara Hutter hat in SG fast Heimspiel - und das schon so früh am morgen)
Crank (der Ossie-Reigen geht weiter - die Ostzürcher aus Wetzikon haben ihren lange ersehnten Auftritt am Samstag mittag - wenigstens sind wahrscheinlich sie wach und katerfrei)
Max Lässer (und Band No Nations spielen undefinierbaren Gitarrensound für Verkaterte und Ueberdreissigjährige)
Diancandor (in der Westschweiz beliebteste Crossover-Band auf den Spuren der irischen Band "Therapy?". Sie bringen ein bisschen welsches Temperament in den tiefsten Osten)
Young Gods (wohl die einzigen echten Nachfolger von Yello sind die Klangwerker aus Genf, sie spielen Industrial aus den guten alten Achtzigern mit einem Schuss Krupps und ein bisschen Queen selig)
Züri West (schliessen den Schweizer Teil des Samstages ab, sie werden mit ihrem bekifften Kuno-Genuschle wohl das Tempo drosseln und das Publikum auf den Hauptact des Abends vorbereiten, nämlich...)
Herbert Grönemeyer (good old Herbie ist ein sicherer Erfolg seit über zehn Jahren. Mit engagierten und teils sehr poetischen Texten und mutiger Musik über alle Grenzen hinweg bringt es der Blondschopf aus dem Ruhrpott fertig, auch jene zu fesseln, die mit dem guten alten NDW nichts anfangen können, auf sein erprobtes Repertoire freut sich der Autor hier genau so wie auf die für seine Konzerte übliche "Ueberraschung")
Presidents of the USA (entsprechend ihrem Namen bei uns noch nicht so bekannt, aber doch Punk bis zum Umfallen - lassen wir uns überraschen)
Los fabulous Cadillacs (wer noch nüchtern ist, kann sich mal statt dem ersten Ofens noch eine Runde Latin Rock hineinziehen, die Argentinier crossen so ziemlich alles over, was es in Südamerika so gibt)

Sonntag, der 30.6. (Sitterbühne)

Magos (he's got the Züri-Blues, aber auch etwas mehr. Sicherlich der richtige Sound zum Frischwerden)
Dodo Hug (gilt dasselbe wie für Magos, sehr persönlich und emotional. Würde mich wundern, wenn die beiden nicht ein spontanes Duett anstimmen würden)
The Cardigans (die Schweden machen so richtig trendigen Easy Listening- Sound aus den Sixties - auch der stärkste Mann braucht mal eine Mütze Schlaf)
Jazzkantine (Aufgewachte kriegen einen bewährten Stilmix aus Rap und Jazz serviert - niemand kann das im "grossen Kanton" besser als die insgesamt fast zwanzigköpfige Studio- und Livecombo Jazzkantine. Sie eröffnen den Reigen der Stars an diesem Abend)
Leningrad Cowboys (die Special Guests aus Finnland nennen sich die schlechteste Rock'n Roll-Band überhaupt. Das mag stimmen, aber die spitzhaarigen Anarcho-Musiker sind nicht erst seit dem Kult-Film von Aki Kaurismääki die Clowns der Weltbühnen und werden den Platz vor der Bühne schon mal füllen)
Cypress Hill (was lange währt, wird endlich gut - sicher war das Engagement der hanfophilen Kalifornier Hiphopper nicht. Doch jetzt sind sie da, und die letzten Joints dürfen hervorgenommen werden - wenn das mal gut geht. Jedenfalls gibt es kaum eine geeignetere Open-Air-Band wie sie)
Sex Pistols (mit dem Urvater des Blues begonnen, endet das Festival mit den Urvätern des Punk. Die Briten um Leader Johnny Rotten waren schon am Verrotten, als sie sich noch mal zu einem Revival zusammenrafften. Ob es etwas gebracht hat, auf diese Frage werden sicher noch viele Noch-Anwesende eine Antwort suchen)

Auf der Heubühne treten auf

Freitag:
Les Reines Prochaines (die witzige Frauenband für in jedem Sinne Emanzipierte)
Les Chapertons
Dieter Thomas Kuhn (Schnulzen, Schlager und Kitsch in Ueberdosis, Kiffen als einzige Rettung)
Flöz und Söhne
Fettes Brot/Der Tobi und das Bo/MC Rene (Rap-Attacke vom Feinsten aus Deutschland, Konkurrenz für die Peppers aus dem hohen Norden, mal Freestyle, mal DAT, von allem etwas, vor allem aber Fun und Witz pur)
Samstag
Michael Mittermeier
Les Reines Prochaines
Molä und Stähli
Anaemia und S Panic Kiff
Flöz und Söhne
Il Giardino Armonico (Barocksound aus Venezia)
Les Chapertons
Dieter Thomas Kuhn
Paddy goes to Holyhead (Irish Folk vermischt mit deutschem Sphären-Trance)
Sonntag
Pfannestil Chammer Sexdeet (Funfolk aus Zürich)
Jordan&Arias
Paddy goes to Holyhead
Clown Linaz
Webs und Brendler
The Inchtabokatables (Irish Folk mit Hardcore-Beat, Berliner, die noch einmal anziehen werden - schönen Gruss an die Pogues und the Big Geraniums)



Für Biwidus: Wildcat (EMail) bald aus dem Sittertobel in St. Gallen