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Zürich
4.6.1996

Open-Air-Vorfreude

Sobald die ersten Hanfpflänzchen die Knospen öffnen, die ersten Jahresrekorde im Bierkonsum egalisiert werden und die ersten unglücklich Verliebten sich von den Klippen stürzen, weiss einE JedeR: aha, es ist Open-Air-Saison. Der Monat Juni bringt nicht nur die ersten Sommertage, sondern auch die ersten Konzerte unter freiem Himmel. Sie sind in den letzten Jahren von allgemeinen Bekiffungen für Insider zu regelrechten Hypes für breiteste Alters- und Bevölkerungsschichten geworden. Ein jedes Bauernkaff möchte plötzlich sein Open-Air - und die Bands spielen wortwörtlich mit. Noch bevor das legendäre Open-Air im St. Galler Sittertobel seinen 25. Geburtstag feiert - Biwidus behandelt die Jubiläumsausgabe ja als Schwerpunkt - wird die Saison gleich mit zwei Konzerten innerhalb von drei Tagen eröffnet.

Regionale Stars in Fehraltdorf

Den Anfang macht nicht ein Riesenspektakel a la St. Gallen oder dem dieses Jahr gestrichenen "Out in the Green", sondern im Gegenteil ein kleines Land-Open-Air mit regionalen Bands. Sternzeit: 14. und 15. Juni 1996, Ort: die Reithalle Barmatt in Fehraltdorf im Osten des Kantons. Und die angekündigten "regionalen Bands" sind nicht einfach nur Dreiriff-Combos, sondern die absolute Creme de la Creme der jungen Zürcher Szene. Also: alles, was Rang und Namen hat. Auch Zelten kann mensch in Fehraltdorf, allerdings wird angeraten, dass niemand mit dem Auto kommt, denn hierfür fehlt die Infrastruktur (sprich Parkplätze). Tickets für einen grünen Schein sind zu kriegen beim Reisetreff Fehraltdorf, bei der Musicbox Winti, bei Jamarico Zürich und dem Mustangshop in Uster. Den Rest und das Patronat hat die Gemeinde übernommen. Immerhin zehn Riesen - lobenswert für ein solches Kaff. Und was die Organisation betrifft: anders, als bei den "grossen" waren hier die "Kleinen" am Werk - das OK besteht grösstenteils aus Unterzwanzigern - das spricht eher für dieses sogenannte "Hall Tent Concert".

Am Freitagabend beginnt der Reigen mit Empathic und P-27, denen der Wetziker Pop-Hype Crank folgt (wir haben oft genug über sie berichtet und werden noch - sie sind also keiner weiteren Erklärung bedürftig). Abgeschlossen wird der Abend durch Grandmothers Funck (bis um etwa 2.00 Uhr morgens).
Der Samstag wird durch NEX und die Winterthurer Crossover-Formation Wygel the Pimp (ja, die vom Jugendfilmfestival) eröffnet. Die ersten "Stars" des Tages sind Artofex. Ihnen folgen Wemean, Kandidatinnen für die Newcomer-Band des Jahres, sowie die in Hiphop-Kreisen sehr beliebte Combo Primitive Lyrics, die schon lange nichts mehr von sich hatte hören lassen - die nächste CD kommt also bestimmt. Schliesslich runden als Kontrapunkt die Jazz-Hiphopper von Sendak den Tag ab.

Rock gegen Hass diesmal in Zürich

Im tiefsten Aargau fand einmal vor sieben Jahren ein kleines Open-Air-Konzertchen für verwegene Politfreaks aus der Antifa-Szene statt. "Rock gegen Hass" nannte sich das Teil und wollte mit Musik gegen Antisemitismus, Faschismus und Ausländerfeindlichkeit kämpfen. Das Minikonzert in Lengnau wurde immer grösser und konnte mit der Zeit auch mit Weltstars aufwarten. Neben der Musik legte mensch schon von Anfang an Wert auf das Rahmenprogramm, das nicht zuletzt auch von den potenten Sponsoren getragen worden ist. Mit der Zeit platzte das Open-Air Lengnau so sehr aus allen Nähten, dass sich der organisierende Verein nun entschieden hat, das populär gewordene und viele engagierte Jugendliche anziehende Open-Air aus dem Aargau auf die etwas zentraler gelegene Zürcher Platzspitzwiese zu verlegen.

Dennoch. Das Lineup ist enttäuschend. Zwar wurde auch dieses Jahr wieder ein Newcomer-Wettbewerb unter dem Motto "Rock Kidz gegen Hass" durchgeführt - fünf Bands können so am Open-Air ihre Fähigkeiten zeigen, aber die eigentlichen "Stars" Züri West, Jovanotti und Zucchero zeugen von einer gewissen Phantasielosigkeit. Wahrscheinlich war sonst niemand aufzutreiben. Alle drei sprechen einen ähnlichen HörerInnenkreis an - Easy listenting ist also auch auf dem Platzspitz angesagt. Die Berner um Kuno "Charismabombe" Lauener dümpeln auf ihrer neuen Scheibe (Biwidus hatte darüber berichtet) "Hoover Jam" nach dem bekannten Stil vor sich hin. Auch Zucchero Sugar Fornacari ist ein alter Open-Air-Hase und hat in den letzten Jahren nichts mehr schlaues herausgebracht - seine letzte CD war eine bittere Enttäuschung für all diejenigen, die seinen Funk-Rock-Stil geliebt haben. Jovanotti hatte ein gutes Jahr und ist sicher der einzige der drei, der tatsächlich eine gewisse Originalität zu bieten hat.

"Rock gegen Hass" ist das erste und einzige Schweizer Open-Air gegen Fremdenhass und Rassismus. Und der Aufmarsch patronierender oder matronierender Persönlichkeiten ist gross (u.a. die "Aargauer" Bundesrätin Dreyfuss). Bekannte Firmen können sich als engagiert und jugendlich anpreisen. So richtig interessant sind aber eigentlich nur die KünstlerInnen "unter ferner liefen", so Zebda aus Frankreich, der israelische Politrockbarde Aviv Geffen, Leonhard Eto aus Japan, sowie Simon Estes. Andere folgen. Nicht zu vergessen: das politische Rahmenprogramm, das diesmal unter dem Motto "Fair zu mir -fair zu dir" steht. Spiele gibts und Gratisfahrten mit der VBZ (Autos zu Hause lassen). Der Eintritt lässt sich mit Sfr. 60.- für einen Tag und wenige bekannte Namen "sehen".

Abschliessend möchte ich den Kulturminister der Stadt Zürich, Jean-Pierre Hoby zu Wort kommen lassen, der über das Open-Air auf dem Platzspitz folgendes meint:"Das Festival "Rock gegen Hass" ist ein Beispiel für die Unduldsamkeit diesen Tendenzen gegenüber (gemeint sind Fremdenhass und Intoleranz; Anm. d. Red.). Es will uns wachrütteln, uns vor Augen führen, wie unüberlegte Schuldzuweisung, Sündenbockmentalität und Wirklichkeitsverzerrung zu Ungerechtigkeit und Gemeinheit führen. Ich bin froh über diese Initiative und freue mich, dass sich die Verantwortlichen entschlossen haben, ihren angestammten Ort Lengnau zu verlassen und ihre Botschaft auf dem Platzspitz, im Herzen der Stadt Zürich zu verkünden." Kein Wunder, Herr Hoby, immerhin ist das weltoffene "rote" Zürich für "diese Tendenzen" weniger zu haben als das immer wieder mit reaktionären Auswüchsen in die Schlagzeilen geratende Aargau. Trotzdem: gerade deshalb hätte mensch dort auch die Stellung halten müssen. Mit Rock gegen Hass, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und so.



Für Biwidus: Wildcat (EMail) aus dem Zug zwischen Bern und Zürich.
2. Photo: Zürcher Regionalfernsehens RTV.