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30.3.1996

Kino

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Jugendfilme und junge Filme

Nur eine knappe Woche nach der glorreichen Ueberreichung der begehrten Goldstatuetten in Hollywood erlebte auch unsere Metropole Zürich ihr grosses Preisverleihungsfest. Allerdings ging es bei uns etwas bescheidener zu und her. Und die Beteiligten waren etwas jünger. Und der Preis etwas weniger wertvoll. Und vor allem: die Filme bedeutend mieser (weitgehend).

Seit nun 20 Jahren finden die Schweizer Jugend-Film- und Videotage in Zürich statt. Im ersten Jahr beteiligten sich nur 11 Beiträge an diesem Wettbewerb, dann wurden es immer mehr. 1987 erst erhielt die erste Frau den begehrten Preis des Springenden Panthers. Die SJVFT wollen jungen FilmemacherInnen die Möglichkeit geben, ihre Produktion einem grösseren Publikum zu zeigen. Somit wird ein Beitrag zur sonst problematisierten Jugendkultur eingebracht. Organisiert werden die SJFVT neuerdings von einem Trägerverein.

Der Wettbewerb ist aufgeteilt in vier Altersklassen. In jeder Kategorie erhält ein Beitrag den Hauptpreis. Der beste Film des Wettbewerbes wird mit der UNICA-Medaille prämiert, der wohl angesehensten und höchsten Jugendfilmauszeichnung der Welt. Die Jüngsten zeigten ihre Arbeiten am Donnerstag vor eher bescheidener Kulisse. In der Kategorie 16-18 Jahre (B) waren wir vom Beitrag "Tabula rasa" postitiv überrascht, einer psychedelischen Collage um Gewalt von Lukas Schmid. Der Junge beherrscht sein Handwerk mit Kamera und Regie. Die Einstellungen sind sehr phantasievoll, sie und der gelungene Schnitt geben der Story eine eigene Dimension, die die eigentliche Geschichte unabhängig von ihr trägt und verstärkt. Das Video war zwar etwas lang, aber durch Spielereien mit Farbe (schwarz-weiss abwechselnd mit Farbe) und einer geglückten schauspielerischen Leistung der beiden ProtagonistInnen bekam Lukas von uns den ersten Preis in seiner Kategorie.

Die Kategorie C wurde gleich bombastisch eröffnet vom stündigen Bosnienbericht des jungen Filmemachers Fabian Biasio. Der Junge hat ein fesselndes, fast journalistisches Dokument abgeliefert. Allerdings ist der Film viel zu lang, und vom Filmen selbst hat der junge Möchtegernjourni keine Ahnung. Schade. Bei den ältesten fielen uns vor allem "Positif" von Mc Sly Pcitures auf, die richtig professionell mit 11'000SFr. Budget, Beta und 76 min. Länge ein sicheres Werk hingelegt hatten. Besonders sympathisch erschien uns Patrick Bossets "Unfinished sympathy". In wunderschönen Bildern von zwei herzerweichenden Girls erzählte er uns eine poetische Geschichte um Sommer und Liebe. Auffallend war "Quickie", eine mutige und filmisch hochstehende Auseinandersetzung mit dem uralten Thema "was Mann und Frau miteinander tun oder (vielmehr) lassen können".

Am Samstag abend fand die Prämierung der Werke samt Vorführung des Siegerbeitrages statt. Dies waren die Sieger der einzelnen Kategorien:
A: "Auf den Spuren von Aktenzeichen XY ungelöst" der Realschule Aesch BL
B: "Hans Zulauf und sein Schuehüsli" von Alain Gsponer
C: "Bosna 1995 - Jahr des Friedens" von Fabio Biasio
D: "Natural born losers" von Jann Preuss

Jan Preuss erhielt für seine makabre, amüsante und filmisch gut umgesetzte Krimikomödie den UNICA-Preis, unseres Erachtens durchaus verdientermassen. Spezialpreise wurden auch verteilt, "Unfinished sympathy" erhielt einen für den besten Schnitt, das perfekte Animationsvideo "Christ" von Wygel the Pimp einen für Spezialeffekte. Die Jury stellte einen steigenden Trend in der Qualität der D-Filme fest.

Die Moderatorin, Rona Liechti äusserte sich nach dem Festival überrascht über die hohe dramaturgische Qualität und die Phanatsie der jungen FilmemacherInnen. "Ich habe das Gefühl, es stehen diese Filme heraus, wo du spürst, dass die, die sie gemacht haben, etwas erzählen wollen, dass es ihnen ein echtes Anliegen ist, weil es sie selber betrifft." Und der junge Preisträger Fabian Biasio offenbarte Biwidus sein nächstes (erstes Spiel-)Filmprojekt. Es werde eine morbide Geschichte über einen Mann sein, der in einem Photoautomat das Bild seines eigenen Todes sieht und ... Mehr wird darüber nicht verraten.

Zum Abschluss laden wir einen Gastkommentar von StarTV-Chefredaktor Peter Neumann auf's Netz. Zuvor aber mein Urteil (denn als ausgebildeter Videojournalist habe auch ich eine Ahnung, was Beta, Cut und Kameraführung ist).
Mir fiel eine klare Trennung in zwei sich widersprechende Gruppen von Filmen auf, die eher dokumentierenden, die die Realität wiedergaben, und die künstlerischen, wo viel wert auf Handwerk, Story und das Detail gelegt worden ist. Viele Filme haben, leider, Ueberlängen. Nur wenige haben die gehetzte und eine eigene filmische Dimension entwickelnde MTV-Schnittechnik verstanden und beherrschen sie. Sonst fiel bei vielen ein störender Hang zum "cool sein" auf, was mensch auch an den zum Teil sinnlos aufwendigen und stumpfsinnig langen Vor- und Abspännen erkennen konnte. Der Ton liess oft zu wünschen übrig. Meist war aber das Fleisch zwischen den Broten sehr bis blödsinnig dürftig, die Stories langweilig und oft dilettantisch umgesetzt. Nur bei einigen merkte ich nicht nur den Willen, Filme zu machen, sondern auch die Fähigkeit, mit diesem Medium umzugehen (inkl. Story). Der junge Schweizer Film scheint mir auf einem guten Weg zu sein, aber er muss sich befreien vom Ballast des Amateurhaften, der sich in einem starken Uebergewicht des Handwerklichen gegenüber des Inhaltlichen äussert. Kein Wunder sind auch die "erwachsenen" Schweizer Filme zwar "gut" gemacht aber zum Teil lächerlich langweilig.

StarTV-Chefredaktor Peter Neumann meint zu den 20. Schweizer Jugendfilm- und Videotagen:

Das Leben ist schnell - und visuell!

Sie sind jung und denken vor allem in Bildern: Die Filmemacherinnen und Filmemacher, die ihr Können während den Schweizerischen Jugendfilm- und Videotagen Ende März in Zürich präsentieren durften.

Bereits zum 20. Mal wurde diese Veranstaltung unter dem Patronat des Pestalozzianums Zürich durchgeführt. Fazit: Immer mehr Jugendliche wählen audiovisuelle Mittel, um ihre Gefühle auszudrücken. Aber nicht nur die Quantität steigt. Auch qualitativ wählen die Filmtalente immer anspruchsvollere Wege: Von der witzig gestalteten Fernsehsatire eines Fünfzehnjährigen über die packende Bosnienreportage eines Neunzehnjährigen bis zum professionell geschnittenen Erotik-Clip eines jungen Twens.

Tatsache ist, dass das Bild im Vergleich zur Schrift klar an Wichtigkeit gewonnen hat. Mehr noch: Das Bild hat die Schrift im Leben eines Jugendlichen in den letzten Jahren richtiggehend verdrängt. Schon längst sind wir ins visuelle Zeitalter eingetaucht. Film und Fernsehen stehen nur für den Anfang der Entwicklung und bilden lediglich die Spitze des Eisbergs. In Schulen, am Arbeitsplatz oder in der Freizeit sind Videokameras, Computerbildschirme, CD-Roms und audiovisuelle Spielkonsolen wohl bereits für viele selbstverständlicher als Bücher. Die "schriftlichen" Medien haben sich diesem Trend angepasst. Nur noch die "Neue Zürcher Zeitung" kann es sich leisten, mit einem Minimum an Bildern auszukommen. Ansonsten sind die Boulevardblätter und Illustrierten zu gedrucktem Fernsehen mutiert. Parallel dazu erlebt die Comicszene einen noch nie dagewesenen Boom. Da ist es kaum erstaunlich, dass in dieser bilderverrückten Zeit immer mehr Jugendliche ihr Schreibgerät mit elektronischen Bildaufzeichnungsmaschinen vertauschen. Der Mensch glaubt an der Schwelle zum 21. Jahrhundert vor allem an den "Augenblick": Er lebt schnell und visuell. Die Jugendfilm- und Videotage haben dies im wahrsten Sinne des Wortes auf faszinierende Weise vor Augen geführt.

Peter Neumann, Chefredaktor Star TV für Biwidus



Für Biwidus: Wildcat (EMail) aus der Schule für Gestaltung in Zürich.